Während seiner Flucht vor den Nationalsozialisten schrieb der Neurologe Kurt Goldstein 1933-34 ein Buch, das die Erkenntnisse jahrelanger klinischer Forschung zu Hirnverletzungen, Aphasien, tonischer Muskulatur und Wahrnehmungsstörungen in einem Werk zusammenbrachte. Der Aufbau des Organismus sollte zu seinem Meisterwerk werden, eine groß angelegte Synthese seines neurologischen, physiologischen und therapeutischen Ansatzes. Goldstein entwickelt darin einen Begriff des Individuums, der weit über die Grenzen der normalerweise mit seinem Namen in Verbindung gebrachten Aphasieforschung und Neurologie hinausgeht und zu einer umfassenden Neubewertung der Begriffe Norm, Gesundheit und Heilung in Medizin und Psychiatrie führen sollte. Experimente im Individuum untersucht Goldsteins Konzeption von Organismus, Patient und Selbst anhand der engen Verknüpfung seiner Tätigkeiten als Arzt, Forscher und Epistemologe. Über die holistischen und vitalistischen Debatten zu Goldsteins Werk hinausgehend verorten Stefanos Geroulanos und Todd Meyers Goldsteins epistemologische Kritik und therapeutische Innovationen innerhalb eines Kontexts von Umwälzungen in der Physiologie, die von dem Gewaltausbruch des Ersten Weltkriegs getrieben werden. Mithilfe kürzlich wiederentdeckter Forschungsfilme konzentrieren sich die Autoren auf die experimentelle Forschung, die dem Aufbau des Organismus zugrunde liegt, dem Buch, das nicht zuletzt Goldsteins therapeutische Anliegen zum Ausdruck bringt. Schließlich erkunden sie Goldsteins weitreichenden philosophischen Einfluss, u.a. im Werk Ernst Cassirers, Georges Canguilhems und Maurice Merleau-Pontys.

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